Hans Werner Kuntze

Notenherstellung ist nicht einfach nur Notensatz.

Der Notenhersteller soll mehr sein als nur Notensetzer am Computer.

Die Forderung ist: Gelernter Schriftsetzer, Musikfachmann, Notendrucker und Buchhersteller. Der Notenhersteller soll also ein Allroundfachmann sein.
Musiknotensatz der Anfangszeit war Noten-Satz mit beweglichen Zeichen, die zusammengefügt wurden wie beim Buchdruck, also reine Notentypographie.
In Kirchenliederbüchern früherer Jahre trifft man diese Form der Noten-Herstellung noch an.

Aber schon damals gab es auch Notengrafik, denn die Abbildungen zeigen Ornamente, und die Notengrafiker jener Zeit waren excellente Künstler.

Oft waren Noten-Grafiker gleichzeitig aber auch Noten-Drucker in einer Person, denn Noten-Druck war ein Kunsthandwerk und erforderte hohe technische Kenntnisse und viel Wissen über Papierherstellung. Aber nicht nur das.
Die Bezeichnungen Musiknotensetzer und Musiknotendrucker sagen es schon:
Sie mußten Musiker und Noten-Setzer, aber auch technische Noten-Hersteller sein, denn nach dem Noten-Druck folgte noch die Buchherstellung, also Zusammenlegen, Binden und Beschneiden.
Musiknoten-Herstellung war also einstmals ein ganz hohes künstlerisches Gewerbe.

Irgendwann fand man heraus, daß Buchdruck, also Hochdruck, nicht die einzige Form der Druckmöglichkeit war.
Die Erkenntnis, daß Fett und Wasser sich gegenseitig abstoßen, führte zum Flachdruck. Zunächst war das Steindruck. Eine Steinplatte wurde plangeschliffen, also absolut glattgeschliffen, und darauf zeichnete der Notengrafiker Noten, Texte und Ornamente.
Diese Arbeit war aber mit einem großen Problem behaftet: Der Notengrafiker mußte spiegelverkehrt zeichnen. Wer sich einmal einen Stempel genauer angesehen hat, erkennt sogleich, daß auch da die Buchstaben spiegelverkehrt sind.

Der nächste Schritt war der Noten-Stich, also das Einschlagen von Zeichen in eine Metallplatte.
Gegenüber dem Notensatz, bei dem ja die Leerstellen mit Füllmaterial ausgefüllt werden mußte, was erhebliche Rechnerei erforderte, und der Noten-Grafik, die nur von excelleten Noten-Grafikern bewältigt werden konnte, war diese Tätigkeit wesentlich schneller zu bewältigen.
Aber dennoch mußte der Noten-Stecher ein studierter Musiker mit hohen Allroundkenntnissen sein, er mußte vor allem über hohes rechnerisches Können verfügen, denn die Menge an Noten mußte schließlich immer mit dem Papierende abschließen.

Aufwendige Vorarbeiten waren erforderlich. Zunächst mußte der Noten-Stecher nach Wendemöglichkeiten suchen, nach Pausen oder ausgehaltenen Noten also, wo der Musiker das Blatt umschlagen konnte. Dann wurde die Anzahl der vorhandenen Noten ausgezählt und grob auf die vorhandenen Seiten verteilt, immer im Hinblick auf die Wender. Dann teilte der Notenstecher nach Notenreihen, also nach Akkoladen ein und jede davon nach Takten. Danach zeichnete der Notenstecher das Notenbild auf der Bleiplatte auf und radierte solange darauf herum, bis er Noten und die fast immer breiter laufenden Texte einigermaßen untergebracht hatte.

Mit einem Rastral wurden dann die Notenlinien eingeritzt, und mittels Stahlstempel schlug der Notenstecher danach die Zeichen ein. Man kann sich vorstellen, daß in einer Notenstecherei höchste Konzentration nötig war, denn ein Fehler bedeutete, daß man die Metallplatten an der betreffenden Stelle von der Rückseite nach vorn treiben mußte. Danach mußte das gesamte Umfeld wieder glattgeschliffen werden, ehe die richtigen Zeichen eingeschlagen werden konnten. Und der richtige Ansatz der ebenfalls weggeschliffenen Notenlinien war ein ganz besonderes Problem. Notenherstellung mittels Notenstich war also noch sehr kostenaufwendig, aber ein erheblicher Fortschritt.

Dennoch suchte man immer nach schnelleren und preiswerteren Möglichkeiten des Notensatzes.
Vor allem Blasmusikverlage waren die ersten Auftraggeber für Noten-Grafiker, weil sehr viele Noten auf engsten Raum untergebracht werden mußten, und das war nur durch Zeichnen mit der Hand möglich.

Der Noten-Grafiker war also geboren. Notengrafik auf Transparentpapier.
Es wurde mit tiefdeckender Tusche gezeichnet, die nahezu lichtundurchlässig war, denn die Notengrafik mußte über sehr starkes Licht auf eine eiweißbeschichtete Druckplatte übertragen werden.
Die Linien wurden auf der Rückseite des Papieres gezogen, damit sie bei der Korrektur stehen blieben. Aber von dem Zeitpunkt an änderte sich auch das Verhalten der Komponisten und Bearbeiter. Es kam zu wesentlich mehr Fehlern, weil die Korrektur vermeintlich ja nicht mehr so problematisch war. Aber das stimmte nun gar nicht. Denn Transparentpapier hatte eine Oberflächenbeschichtung, und die wurde beim Wegschaben des Notenzeichens entfernt. Die nunmehr glatte unbehandelte Oberfläche nahm keine Tusche mehr an, oder wenn doch einmal, so verband sie sich nicht mit dem Papier und platzte wieder ab. Der Notengrafiker wurde also zum Papierspezialisten und mußte Wege finden, um Tusche haltbar auf das Papier zu bringen. Und die Tusche durfte auch nicht verlaufen, mußte also scharfe Ränder behalten.

Wenn es sich um qualitativ hochwertigen Notensatz handelte, bestanden für den Noten-Grafiker die rechnerischen Probleme, also die Vorarbeiten wie beim Noten-Stich natürlich weiterhin. Soviel einfacher wie zunächst gedacht war die Arbeit also doch nicht geworden.

Es gab zwischenzeitlich Versuche, Zeichen auf weißem Papier aufzukleben und die Grafik zu fotografieren, aber die neuen damit verbundenen Probleme ließen diese Versuche schnell verstummen.
Nur der Gedanke an sich wurde aufgegriffen.

In einer Notendruckerei ließen wir alle im Notensatz vorkommenden Zeichen auf Folie drucken, eine Art Abziehbilder also. Und diese Zeichen wurden jetzt auf vorbereitetem Transparentpapier angerieben.
Weil diese Zeichen lichtundurchlässig waren, hatte der Notendrucker damit auch keinerlei Probleme. Anders verhielt es sich mit dem Text.
Es gab Versuche, ihn auf weißem Papier zu drucken und Wort für Wort einzukleben, aber dann wurde wieder ein Film erforderlich, was alles wieder erheblich verteuerte.

Wir suchten also nach anderen Wegen.
Wir suchten nach einer Schreibmaschine, die zwei Forderungen erfüllte:
Sie mußte mit einem Farbband betrieben werden können, das nicht Farbe auf das Papier brachte, sondern elastisches Material, aufgeschlagene Abziehbilder also, damit die Buchstaben ebenfalls nahezu lichtundurchlässig wurden. Dieses Farbband wurde uns irgendwann auch hergestellt.
Die zweite Forderung war: Die Buchstaben mußten proportional erscheinen, ein kleines i durfte also nicht soviel Platz verwenden wie ein großes M.
Der IBM-Composer wurde irgendwann dann auch entwickelt und erfüllte diese Forderung.

Doch dann kam der Atari auf den Markt. Aber das Musikprogramm erfüllte nicht die geforderte Qualität. Herbert Huk sei hier ein Denkmal gesetzt, denn er half uns bei der Einrichtung der Textprogramme, die wir zu Notenprogrammen umbauten, und ein HP-Laserdrucker mit speziellem, deckendem Toner ermöglichte uns den Ausdruck auf Folie. Und zum ersten Mal fiel auch Korrektur leicht, denn die Daten der Notengrafik waren ja gespeichert.

Inzwischen gibt es leichtbedienbare Notensatzprogramme, mit denen auch Computeranwender ohne Musik- und Schriftsetzerkenntnisse Notensatz herstellen können. Die geforderten Fachkenntnisse können diese Programme allerdings nicht ersetzen, und somit ist für hochqualifizierten Notensatz eben doch noch der Setzer mit mehreren Berufen gefragt.

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